/…bericht über ein erlebnis in der straßenbahn…/

/:::epilog:::/
Gestern, 13.3.13, 17:49 MEZ, irgendwo in Österreich
miss viwi steigt in eine Straßenbahn und setzt sich auf den nächsten freien Stuhl.
Ihr gegenüber sitzt eine Frau mit einer fürchterlich stinkenden Lederjacke.
freebievectors

Kurz nachdem mein Körper und meine Seele tatsächlich auf dem Straßenbahnsessel angekommen sind, schaue ich nach rechts und blicke in das Gesicht eines Mannes, der mir auf der anderen Seite schräg gegenüber sitzt.
Er war wahrscheinlich zwischen 40 und 50 Jahre alt und schien so, als hätte er darauf gewartet, dass sich mein Blick in seine Richtung wendet.
Der Mann zu mir: „Wissen sie welch ein Wochentag heute ist?“. Ich musste selbst kurz nachdenken, auch weil mich die Frage etwas überraschte, nach ein paar Sekunden Nachdenkpause antwortete ich: „Heute ist Mittwoch“, darauf der Mann: “ Ah, Mittwoch, danke. Wissen Sie ich komme immer durcheinander mit Wochentagen“, darauf ich: „Kein Problem, das passiert mir auch öfter“.
Kurz blicke ich zur Frau mit der stinkenden Lederjacke, welche nun freundlich lächelt, aber kein Wort unseres Gespräches zu verstehen scheint, auch kein Problem, sie lächelt nett.
Ein paar Sekunden später meint der Mann zu mir„Kennen Sie Eugen Roth?“, darauf ich „Ja, den kenne ich“, der Mann “Haben Sie schon ein Buch von ihm gelesen?“, ich “Nein, aber einzelne Gedichte”, “Aha”, meint der Mann, dann schleudert er seinen rechten Arm in die Höhe und schnippt 3 – 4x ganz laut mit den Finger.
Die Frau mit der stinkenden Lederjacke schaut sich um, lächelt und schaut wieder aus dem Fenster. Der Mann fragt mich: “Kennen Sie das Gedicht »Zahnarztstuhl«?”, “Nein, das kenne ich leider nicht”, “Wissen Sie, Eugen Roth war ein toller Schriftsteller, um die Jahrhundertwende”. Nach diesem Satz beginnt der Mann damit ein Gedicht wiederzugeben. Ich hab es rausgesucht:

Der Zahnarzt (Der Mann nannte es Zahnarztstuhl)

Nicht immer sind bequeme Stühle
Ein Ruheplatz für die Gefühle.
Wir säßen lieber in den Nesseln,
als auf den wohlbekannten Sesseln.
Jetzt zeige, Mensch, den Seelenadel!
Der Zahnarzt prüft die feine Nadel,
mit der er alsbald dir beweist,
dass du voll Schmerz im Innern seist.

Vor denen, sauber und vernickelt,
der Zahnarzt seine Kunst entwickelt.
Er lächelt ganz empörend herzlos
Und sagt, es sei fast beinah schmerzlos.
Du aber hast ihm zu beweisen,
dass du im Äußern fest wie Eisen.
Nachdem ihr dieses Euch bewiesen,
geht er daran den Zahn zu schließen.

Doch leider, unterhalb der Plombe,
stößt er auf eine Katakombe,
die, wie er mit dem Häkchen spürt,
in unbekannte Tiefen führt.
Hat er sein Werk mit Gold bekrönt,
sind mit der Welt wir neu versöhnt
und zeigen, noch im Aug die Träne,
ihr furchtlos wiederum die Zähne:

Behaglich schnurrend mit dem Rädchen
Dringt vor er bis zum Nervenfädchen.
die wir – ein Prahlhans, wer’s verschweigt-
dem Zahnarzt zitternd nur gezeigt.
(Eugen Roth)

Das Wort Katakombe hat der Mann besonders betont, sein Blick, als er diese Betonung vornahm, blieb mir besonders in Erinnerung.
Als die Wiedergabe abgeschlossen war meinte ich: “Wow, dass sie das alles auswendig wissen”.
Dann sagte der Mann noch ein Gedicht auf, welches von einer Frau und einem Mann handelt, als ich ihn nach dem Titel frage, weiß er ihn leider nicht.
Vielleicht eine Minute später, nachdem der Mann das Gedicht fertig aufgesagt hatte und ein Moment des Schweigens entstanden war, fragte der Mann mich“Kennen Sie Eugen Roth?”, ich sagte darauf„Ja, den kenne ich, der schreibt tolle Gedichte“, dann beginnt der Mann erneut das Gedicht »Der Zahnarzt« aufzusagen, wieder betont er das Wort Katakombe mit überwältigender Mimik.
Das Gedicht ist zu Ende, meine Ausstiegshaltestelle kommt immer näher. Ich sage zu dem Mann „Jetzt werde ich jedes Mal an Sie und das Gedicht denken, wenn ich beim Zahnarzt bin“, der Mann darauf „Hm, Eugen Roth schrieb tolle Gedichte um die Jahrhundertwende“. „Ja, das tat er”, sagte ich, stand auf, um auf den Ausstiegsknopf zu drücken und sagte „Auf Wiedersehen, ich wünsche Ihnen alles Gute“, der Mann erwiderte„Wiedersehen, alles Gute“.

vegan lve&peace, miss viwi

[Clipart: freebievectors.com]

6 Gedanken zu “/…bericht über ein erlebnis in der straßenbahn…/

  1. Schönes und auch sehr nachdenkliches Erlebnis! Du hast dem Mann gehör geschenkt, andere machen sich wahrscheinlich über ihn lustig! Ich mag solche Erlebnisse sehr, sie reißen einen aus dem Alltag und zeigen mir das jeder Tag einzig artig ist! Letzens als ich zur Fh gefahren bin hat mich ein älterer Mann auch angesrochen , Er: (während er auf meine Jeans zeigt) „Wussten sie, dass sie die Jeans extra kaputt machen, damit sie schnell kaputtgehen und sie wieder neue kaufen?“ Ich : “ Die hab ich aus einem Second Handladen und ja, das weiß ich das ist geplante Obsoleszenz!“ ,dann bin ich ausgestiegen und hab den verdutzden Mann zurückgelassen, als ich mich noch mal nach ihm umgesehen habe, hat er schon eine neue Person angesrochen^^ …..liebste veggi Grüßlis

    1. Danke, dass du mir dein Erlebnis erzählt hast. Ich mag diese Erlebnisse im Alltag auch sehr gern. Von Jeans hab ich geplante Obsoleszenz allerdings noch nie gehört *g. Ich liebe Second-hand-läden, noch lieber mag ich Flohmärkte. Vor zwei Jahren habe ich mir einen genialen vintage-Mantel gekauft um 1,50 €. Ich liebe diesen Mantel. Jetzt bin ich vom Thema abgekommen.

      Danke für deinen Besuch.

      liebste veggie-Grüße, miss viwi

    1. Freut mich, dass dir mein Bericht gefällt. Danke für das Feedback.

      Ich fahre ganz selten mit der Straßenbahn, aber wenn ich fahre, dann erlebe ich meistens irgendetwas.

      lvg, ms. v.

  2. Was für eine tolle Geschichte! Ich liebe Eugen Roth und dieses Gedicht kannte ich noch nicht! Finde ich aber auch toll! Ist bestimmt super, es so vorgetrwagen zu bekommen! ;)
    Genau aus diesem Grund lächle ich in den Öffis prinzipiell alle Leute an. Man kann ja nie wissen, wen man kennenlernt!
    Alles LIebe
    Petzi

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